Usedom und der Inselherbst - Bernsteinmädchen
Sieht man genau hin, erscheint das Meer und der Ostsee-Strand oft jahreszeitenlos. Und doch umgibt dieser Ort im Herbst und Winter eine ganz besondere Aura.
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Usedom und der Inselherbst

Usedom im Herbst (c) Bernsteinmädchen

Usedom und der Inselherbst

Am Inselherbst verwirren mich so einige Dinge. Zum Beispiel warum es Rollmützen für Männer gibt, die den lichter werdenden Haarschopf, aber nicht die Ohren bedecken. Warum man sich auch nach 30 Jahren noch über den nasskalten Wind aus dem Norden beschwert. Oder warum sich bei uns nie eine richtige Tee-Kultur entwickelt hat.

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Über solche Sachen muss man einfach nachdenken, wenn man sich beinahe den Hals abschnürt, um den Nieselregen nicht in den Kragen zu lassen und störrische Angler auf der Seebrücke beobachtet, deren Ohrspitzen schon ganz rot gefärbt sind.

Jetzt einen heißen Friesentee mit einem großen Stück Kandis. Aber so richtig gibt es den hier nicht. Dafür lockt beinahe an jeder Ecke ein Gläschen warmer Sanddornlikör. Na dann…

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Von oben betrachtet sehen Seebrücken oder Buhnenabschnitte übrigens aus wie die Reißzähne der See. Oder, wenn sie nur alle paar Kilometer auftauchen, wie eine x-Achse zur y-Küstenlinie. Letzteres erscheint mir allerdings wenig romantisch.

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Als ich die stark belaufene Seebrücke in Bansin verlasse, bin ich überrascht, wie schnell der Besucherstrom abreißt, wie leer und anders die muschelförmigen Bühnen vor den Dünen aussehen. Unwillkürlich muss ich an den letzten Sommer zurückdenken, den ich auf der Insel verbrachte. Sobald ein Orchester aufspielte oder ein Kaschperle in seinem Puppentheater auftrat, fand man kaum mehr einen freien Platz im Auditorium. An den Strandübergängen wurden die Fahrrad-Plätze knapp und Eiscreme-Kleckereien zogen sich wie ein Brotkrumenpfad entlang der Promenade. Es war auch die Woche des Kleinkunstfestivals und nicht selten klingelte jemand wild auf seinem Hochrad oder zog auf Stelzen vorbei.

Jetzt ist da nur dieser riesige Hund, der mich dabei beobachtet, wie ich beim Perspektivwechsel beinahe mein Gleichgewicht verliere. Statt Eis gibt es eine heiße Waffel am Stiel und auf den Bänken findet man nur noch vereinzelte Spaziergänger, die ihre Nase in gleichzeitig Schal und Buch stecken.

Aber so ist es auch schön.

Usedom Inselherbst (c) BernsteinmädchenUsedom Inselherbst (c) Bernsteinmädchen

Usedom Inselherbst (c) Bernsteinmädchen

Denn: Im Herbst und Winter macht das Meer erst richtig frei.
Im Sommer ist es gar nicht so einfach, mal einen Strandabschnitt für sich allein zu haben, vor allem tagsüber und abends man ist schnell beduselt von diesen nicht von dieser Welt Sonnenuntergängen. Im Frühling herrscht allgemeine Aufbruchsstimmung, auch am Strand, wenn die Leute sich endlich wieder im Licht aalen wollen. Aber in den rauen Jahreszeiten darf man sich mit den Naturgewalten messen. Wenn es ein langer Sommer war, kann man bis in den Herbst hinein ins Wasser waten. Gerade die ersten Septemberstürme bringen (für unsere Verhältnisse) riesige Wellen an die Küsten, in die man sich immer und immer wieder fallen lassen kann. Später, wenn der auflandige Wind aus dem Norden kommt, kann man sich den Schal vom Gesicht reißen und gegen den Sturm brüllen ohne auch nur einen Meter weit gehört zu werden.

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Man fühlt sich und das Meer und die Natur viel stärker in dieser späten Jahreszeit. Man fühlt sich lebendig, will alles hinausschreien und ist ganz high von der vielen guten Seeluft, die hier ihr Wunder wirkt. Und bei all dem Wind und den Strömungen gibt es immer wieder Schätze am Strand zu entdecken.

An anderen Tagen ist dagegen alles ganz ruhig. Das Meer wirkt träge und schwerfällig, wie bei einer Langzeitbelichtung, und der Strand wird zur Flaniermeile. Gemütlicher, aber nicht freier. Hier ruft niemand etwas aufs Meer hinaus. Die roten Flecken, die am Ende des Spaziergangs auf unseren Wangen leuchten sind aber immer noch die gleichen.

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Eine Touristengruppe ist auch im Herbst und Winter nicht minder hartnäckig. Ich lege das letzte Stück nach Ahlbeck am Strand zurück und werfe den Möwen einen argwöhnischen Blick zu. Schließlich halte ich gerade ein Fischbrötchen in der Hand.
Wer noch nie gesehen hat, wie eine dicke Möwe den schönen Hering aus dem Brötchen mobst, darf nicht eher die Insel verlassen.

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Eigentlich mag ich Möwen. Wenn ich früher mit meinen beiden Hunden am Strand spazieren war, brauchte ich den Ball nicht so oft werfen, wenn die riesigen Seevögel ebenfalls an der Brandung entlang taperten. Und sie sehen verdammt lustig aus, wenn sie mit ihren ‚Plattfüßen‘ wie besessen auf dem Boden trommeln, um Würmer hervorzulocken.
Außerdem haben sie mich, wenn ich gerade im Ausland war, immer an meine Heimat erinnert.

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Mein Lieblingswort in dieser Jahreszeit: Sturmumtost.

 

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